Landesgewerbearzt: „In allen Betrieben Mängel festgestellt“ – Jährliche Veranstaltung zur Arbeitsmedizin in Frankfurt

Bild LGA 2019.jpg

Saal mit Menschen, die sitzen - vorne ein Redner am Podium
Bild in den Saal bei der Veranstaltung in Frankfurt

Erstmals im Saalbau Frankfurt unweit des Frankfurter Hauptbahnhofs fand an diesem Dienstag die jährliche arbeitsmedizinische Fortbildung des Landesgewerbearztes (LGA) beim Regierungspräsidium (RP) Darmstadt statt. Über 70 Ärztinnen und Ärzte aus ganz Hessen folgten der Einladung und fanden sich in den neuen Räumlichkeiten zum Informations- und Erfahrungsaustausch zusammen. Im Mittelpunkt standen die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz, mit welchen sich das Fachzentrum für medizinischen Arbeitsschutz beim RP zusehends beschäftigt.

Dr. med. Matthias Nübling von der Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften stellte den Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ) vor, einen Fragebogen zur Erfassung psychischer Belastungen und Beanspruchungen bei der Arbeit. Dr. Nübling begleitet dieses Instrument der psychischen Gefährdungsbeurteilung in ganz Deutschland wissenschaftlich und hat bereits mehr als 200.000 Beschäftigte aus verschiedenen Branchen befragt. Auf der Veranstaltung stellte er den Ärztinnen und Ärzten seine Ergebnisse vor. Nach der Pause konnten die Teilnehmenden die Inhalte des Vortrags im Rahmen von Gruppenarbeiten vertiefen und den COPSOQ an tragbaren Computern testen. Dabei wurden Sie von RP-Beschäftigen des Fachzentrums unterstützt.

RP-Mitarbeiterin Dr. med. Gabriela Petereit-Haack MPH stellte die ersten Ergebnisse der Hessischen Lehrkräfte-Studie vor. Darin wird untersucht, ob Lehrkräften gegenüber Vergleichspersonen mehr Stress haben. Erste Auswertungen von Teil-Gruppen der Studie zeigten, dass Lehrkräfte (insbesondere Grundschullehrer) einer höheren Lärmbelastung ausgesetzt sind, dass Lehrkräfte insgesamt höhere emotionale Anforderungen erfüllen müssen und dass bei Ihnen bestimmte Gesundheitsprobleme vermehrt zu beobachten sind. Petereit-Haack wies darauf hin, dass die komplette Auswertung der Studie erst im Jahr 2020 erfolgen wird und gleichzeitig eine Weiterführung der Studie bis 2023 im Sinne einer Langzeitbetrachtung vorgesehen ist.

Landesgewerbearzt Prof. Dr. med Ulrich Bolm-Audorff, der das Fachzentrum am RP-Standort in Wiesbaden leitet, berichtete von einem Pilotprojekt, bei dem zum ersten Mal Ärzte der Länderbehörden die Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge überwachen und vollziehen. Diese Verordnung ist die Grundlage der arbeitsmedizinischen Vorsorge und wurde in diesem Jahr schon in über 100 hessischen Betrieben verschiedener Branchen (Bäckereien, Friseurbetriebe, Pflegeeinrichtungen und Baugewerbe) überprüft. „Staatliche Überprüfung und staatliches Handeln ist gefordert“, so Prof. Dr. Bolm-Audorff, da in allen Betrieben Mängel festgestellt worden seien und - insbesondere in der Baubranche - behördliches Eingreifen bis hin zu Bußgeldern notwendig war. Das Projekt läuft noch bis 2021 und wird dann final ausgewertet.

Auf großes Interesse stießen auch Bolm-Audorffs Ausführungen zu den Berufskrankheiten. So gibt es unter anderem seit diesem Herbst die wissenschaftliche Empfehlung des ärztlichen Sachverständigenbeirats Berufskrankheiten beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales, dem Bolm-Audoff angehört, Lungenkrebs durch Passivrauchen als Berufskrankheit anzuerkennen. Außerdem wurde von Prof. Bolm-Audorff die Umsetzung der betriebsärztlichen Betreuungsform kritisch diskutiert. Betriebe, die nicht direkt durch Betriebsärzte betreut werden, sondern im Rahmen einer sogenannten Alternativbetreuung, wiesen einen wesentlich schlechteren medizinischen Arbeitsschutz auf. Bei der Alternativbetreuung absolvieren Unternehmer eine Schulung von wenigen Stunden in Fragen des Arbeitsschutzes.

Kontrovers diskutiert wurde auch die neue Berufskrankheit „Hautkrebs durch direkte Sonneneinstrahlung“ und deren Vorsorge, ebenfalls eingeleitet durch Dr. Gabriela Petereit-Haack, die seit Mai festes Mitglied im Ausschuss für Arbeitsmedizin (AfAMed) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ist. Petereit-Haack wies darauf hin, dass bei Arbeiten im Freien mit Belastung durch natürliche ultraviolette (UV) Strahlung, die Hautkrebs auslöst, in der überarbeiteten Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge nur eine freiwillige Angebotsvorsorge vorgesehen ist. Nach Meinung der Vortragenden sei UV-Strahlung am Arbeitsplatz als besonders gefährdende Tätigkeit einzustufen, weil sie eine Krebserkrankung der Haut verursache. Daher wäre aus ihrer Sicht die Vorschrift einer verpflichtenden Vorsorge bei dieser Tätigkeit in der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge angebracht gewesen.

Hintergrund:
Die arbeitsmedizinische Fortbildung des hessischen Landesgewerbearztes findet jährlich statt. Der Landesgewerbearzt – Fachzentrum für medizinischen Arbeitsschutz - beim RP Darmstadt (Standort Wiesbaden) ist innerhalb der Hessischen Arbeitsschutzverwaltung für das Fachgebiet Arbeitsmedizin zuständig. Der Landesgewerbearzt ist für alle Fragen des medizinischen Arbeitsschutzes in ganz Hessen zuständig. Weitere Informationen zu seiner Tätigkeit und Kontaktmöglichkeiten gibt es hier: https://rp-darmstadt.hessen.de/sicherheit/arbeitsmedizin

Pressekontakt
Pressesprecherin: Nina Lipp
Pressestelle Regierungspräsidium Darmstadt
Telefon: +49 6151 12-6209
E-Mail: pressestelle@rpda.hessen.de

Luisenplatz 2
64283 Darmstadt

Hessen-Suche