Schlammpeitzger

Ausgangslage und Handlungsbedarf

Der Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) besiedelt langsam fließende oder stehende natürliche Gewässer und Grabensysteme mit einer dicken Schlammschicht und reichem Pflanzenwuchs. Er besitzt die Fähigkeit, Sauerstoff mit dem Darm aufzunehmen und ist damit in der Lage, auch in sauerstoffarmen Gewässern zu überleben. Auch längere Trockenphasen übersteht er eingegraben im Schlamm. Nicht zuletzt wegen der versteckten Lebensweise dieser Fischart ist über ihre Verbreitung wenig bekannt. Historische Angaben beziehen sich im Wesentlichen auf die Oberrheinebene und die Untermainebene. Mit landesweit nur noch drei natürlichen Populationen im Kreis Groß-Gerau, im Raum Bensheim/Heppenheim und in der Wetterau bei Dauernheim ist der Schlammpeitzger in Hessen inzwischen vom Aussterben bedroht. Er ist im Anhang II der EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (EU FFH-Richtlinie) gelistet. Nach dem Hessischen Fischereirecht besteht ein Fang- und Entnahmeverbot für Schlammpeitzger.

Schutzmaßnahmen – was ist zu tun?

Ein landesweites Artenhilfskonzept wurde von KORTE & HENNINGS (2008 a) im Auftrag von Hessen-Forst FENA erarbeitet. Im Vordergrund praktischer Maßnahmen stehen der Schutz und die Entwicklung geeigneter Habitate. Da der Schlammpeitzger kaum noch in natürlichen Gewässern zu finden ist, sind vor allem verzweigte Grabensysteme zu beachten. Neben Konzepten zur Gewässerentwicklung und Gewässerpflege kommt mittelfristig auch die Wiederansiedlung in geeignete Grabensysteme mit Besatzfischen aus stabilen Populationen in Betracht.

Sachstand – Planung und Praxis

Die letzte bekannte größere Population in Südhessen fand man 1986 in einem Graben bei Groß-Gerau. Sie ist vermutlich inzwischen wieder erloschen. Danach waren in den Jahren 2003 und 2005 nur noch Einzeltiere im NSG „Mönchbruch von Mörfelden und Rüsselsheim“ nachweisbar. Als dann im Jahr 2007 im Rahmen einer Amphibienkartierung zufällig ein neuer Fund in einer Grabentasche bei Bensheim erfolgte, gab das Regierungspräsidium Darmstadt ein Gutachten zur Untersuchung weiterer Gräben im Raum Bensheim – Heppenheim in Auftrag (KORTE & HENNINGS 2008 b). Es wurde festgestellt, dass weitere Vorkommen im Bombach und im Bruchgraben bei Heppenheim existieren. Allerdings kamen die Gutachter zu dem Ergebnis, dass diese Population einer erheblichen Gefährdung durch verschiedene Umwelteinflüsse unterliegt (Ölunfälle, Einleitung von salzhaltigem Grundwasser etc.). Daher entschied das Regierungspräsidium Darmstadt, im Bruchgraben 30 Tiere abzufangen und im April 2008 in einen geeigneten Besatzgraben im Naturschutzgebiet „Reinheimer Teich“ umzusiedeln mit dem Ziel, einen „Pool“ für weitere Umsiedlungen in Südhessen aufzubauen.

Die Vorbereitung und ehrenamtliche Betreuung des Projekts (Absperrung des Grabens durch Lochbleche, mehrfache Elektroabfischungen und Entnahme der Raubfische) übernahm der Gewässerschutz- und Angelverein Reinheim-Überau e. V.. Im Rahmen des seit 2009 laufenden Monitorings konnten einige der eingesetzten Tiere wieder nachgewiesen werden. Leider gelang im Jahr 2012 kein Nachweis mehr und auch eine erfolgreiche Reproduktion konnte nicht nachgewiesen werden. Künftig wird das Monitoring ehrenamtlich durch den Gewässerschutz- und Angelverein Reinheim-Überau e. V. fortgeführt, die gesammelten Daten werden in den laufenden Projektbericht integriert.

Für die verbliebene Heppenheimer Population hat das Regierungspräsidium Darmstadt eine Vereinbarung mit den Stadtwerken Heppenheim getroffen, wie und wann bestimmte Gräben mit bekanntem oder vermutetem Schlammpeitzger Bestand zukünftig geräumt werden. In 2011 erfolgten die ersten Räumungen auf dieser Grundlage.

Weitere Maßnahmen betreffen eine dritte Population in der Wetterau. Sie wurde erst 2009 bei Untersuchungen im Auftrag von Hessen-Forst FENA im Naturschutzgebiet „Nachtweid von Dauernheim“ gefunden. Im Jahr 2011 folgten die Funde weiterer Vorkommen in den Naturschutzgebieten „Buschwiesen von Höchst“, „Bingenheimer Ried“, „Mittlere Horloffaue“ sowie in den „Mockstädter Wiesen“ (kein Schutzgebiet). Die besiedelten Gräben werden im Rahmen der Schutzgebietspflege mit Rücksicht auf den Schlammpeitzger bei Bedarf abschnittweise gemäht, dabei kommt ein sogenannter Mähkorb zum Einsatz der eine fischschonende Grabenräumung ermöglichen soll.

Der Schutz der noch vorhandenen Bestände der Population im Naturschutzgebiet „Mönchbruch“ wird über die dortige Gebietspflege sichergestellt.

Künftig werden weitere Verdachtsgewässer auf Vorkommen des Schlammpeitzgers hin untersucht. Darüber hinaus wird ein Gutachten über die Möglichkeit einer kontrollierten Vermehrung des Schlammpeitzgers zur Gewinnung von Besatzfischen in Auftrag gegeben. Alle im Einzelnen notwendigen Maßnahmen werden mit den Beteiligten vor Ort abgestimmt und in einen Bewirtschaftungsplan für den Schlammpeitzger einfließen.

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